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Soziale Phobie: Angst vor anderen

Bei einer sozialen Phobie fürchten Betroffene ständig eine Blamage und ziehen sich zurück. Eine Psychotherapie und Selbsthilfegruppen können ihnen helfen
von Silke Droll, 03.03.2017

Lachen die mich aus? Menschen mit sozialer Phobie deuten ihre Wirkung oft falsch

Westend61 GmbH/Bader-Butowski

Was könnten die anderen denken? Das war jahrelang die größte Sorge von Thomas K.: Zu Partys gehen, Referate an der Uni halten, mit anderen zusammen essen oder einfach nur mit einem Verkäufer sprechen – wenn er so etwas tun musste, ging bei ihm der Alarm an. "Ich war wie in einem Tunnel, mein Puls raste, ich schwitzte und zitterte", sagt er. Kaum zu glauben. Thomas, ein junger Mann im Kapuzenpulli, wirkt im Gespräch offen und entspannt. Doch der 25 Jahre alte Software-Entwickler litt massiv unter sozialer Angst.

Angst davor, sich zu blamieren, etwas falsch zu machen, nicht gut genug zu sein, nicht mehr sprechen zu können, mit dem Glas in der Hand zu zittern, ausgelacht und abgewertet zu werden. Außerdem Angst vor der eigenen Angst. Und noch mehr Angst, dass die anderen Menschen seine Angst bemerken. Aber niemand bemerkt etwas.

Gedankenkarussell: Was halten andere von mir?

plainpicture GmbH & Co KG/Maskot

Rückzug als Folge der Phobie

"Die soziale Phobie ist eine stille Störung", sagt Professor Eric Leibing von der Universität Göttingen. Die Erkrankung wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, obwohl sie durchaus häufig vorkommt. Sieben bis zwölf Prozent der Menschen erfüllen irgendwann im Lauf ihres Lebens die Kriterien dafür. Doch sie bemühen sich, ihre Angst nicht zu zeigen, und ziehen sich zurück.

"Eine Panikattacke fällt auf, eine Partyabsage nicht", sagt der Psychologe und Psychotherapeut. Der Übergang von Schüchternheit zur sozialen Angststörung ist fließend. Oft gibt es ein Schlüsselerlebnis. "Es passiert tatsächlich etwas Peinliches, etwa dass man vom Lehrer bloßgestellt wird."

Schlüsselerlebnis als Auslöser

So ging es auch Thomas. "Ich musste im Englischunterricht vorlesen und bekam ­eine Fünf. Die Lehrerin machte mich vor der ganzen Klasse fertig." Danach wacht er vor den Englischstunden mitten in der Nacht verschwitzt auf. Auch in den anderen Fächern fürchtet er sich nun vor dem Vorlesen. Er entwickelt Strategien dagegen. "Ich meldete mich sehr häufig, auch zu belanglosen Dingen, nur damit ich nicht zum Vorlesen aufgerufen wurde." Psychologen nennen so etwas Sicherheits­­verhalten.

Für die Entwicklung einer Angststörung spielen mehrere Faktoren eine Rolle: eine angeborene Veranlagung, erlernte Einstellungen und Verhaltensweisen sowie negative Erfahrungen mit anderen Menschen. Extreme Erwartungen in der Familie etwa. "Meine Eltern haben mich sehr auf Leistung getrimmt. Eine Zwei oder Drei war nicht gut genug", erzählt Marta M.: Vor dem Druck flüchtete sie in der Jugend in ihre innere Fantasiewelt. Auch als Erwachsene meidet die IT-Fachfrau Situationen, in denen sie im Mittelpunkt stehen könnte und andere sie bewerten. "Vor allem mit Menschen, die man zwar kennt, die aber keine guten Freunde sind." Präsentationen vor Kollegen und Verwandtentreffen sind der absolute Horror für sie.

Umtausch: Konflikte einzugehen ist für Menschen mit sozialer Phobie oft ein Problem

Allesalltag Bildagentur GbR/Jörn Rynio

Gefährliche Flucht in den Alkohol

In extremen Fällen geben Betroffene ihr Sozialleben komplett auf. Andere betäuben sich mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln. Oftmals wird eine soziale Phobie als Erkrankung nicht erkannt. Das ist besonders tragisch, weil es erfolgreiche Behandlungs­methoden gibt. Sehr gut wirkt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei lernt der Patient, gefürchtete Situationen mit einem anderen Blick zu betrachten. "Betroffene fokussieren ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich selbst und haben eine verzerrte Vorstellung von ihrer eigenen Wirkung und der Situation", sagt Leibing.

In Verhaltensexperimenten erleben sie, dass ihre­ ­Befürchtungen nicht eintreten. Beispielsweise hält der Patient einen Vortrag. "Den sieht er sich nachher in­ einem Video an und merkt, dass Stimme und Auftreten ganz normal sind und daran nichts Peinliches ist." Für den Alltag draußen gibt es Aufgaben: das Sicherheitsverhalten abbauen. "Manche Sozialphobiker drehen sich weg, wenn sie trinken, oder sie tragen ein dickes Tuch um den Hals, damit es niemand sieht, falls sie beim Sprechen rote Flecken bekommen. In der Therapie merken sie dann, dass solch ein Verhalten nicht notwendig ist und sogar das Problem ausmacht."

Verhaltenstherapie oder psychodynamische Therapie

Hilfreich ist auch eine spezielle Form der psychodynamischen Therapie. Dabei wird der "zentrale Beziehungskonflikt" des Patienten bearbeitet. In Gesprächen kristallisiert sich das hervorstechende, wiederkehrende Problem im Umgang mit anderen heraus. Der Patient arbeitet mithilfe des Therapeuten daran, seine große Scham und Selbstabwertung abzubauen.

Dass beide Verfahren wirken, belegt die weltweit größte Studie zu dem Thema, die mehrere deutsche Universitäten zwi­schen 2006 und 2014 mit fast 500 Teilnehmern durchführten. Mehr als ein Drittel der Patienten, die dabei mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt wurden, hatten danach keine Symptome mehr, und bei fast zwei Dritteln hatte sich die Symptomatik deutlich gebessert. Die Erfolge waren noch zwei Jahre nach Therapieende nachweisbar.

Antidepressiva als Unterstützung?

Auch Thomas befreit sich mit einer Psychotherapie von der Angst. Er findet einen passenden Therapeuten, der ihn motiviert, aktiv zu werden. Er schafft es etwa mehrmals, sich zu Unbekannten in der Mensa an den Tisch zu setzen und ein Gespräch zu beginnen. Er spricht eine Frau an und bekommt ein Date. Das macht ihm Mut. Er geht wieder raus, die Angst verschwindet.

Die Furcht nehmen können auch Medikamente. Nachgewiesen wirksam sind bei dieser Symptomatik aber nur vier Antidepressiva der neueren Generation: drei Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. "Alle anderen Medikamente, auch die verschreibungsfreien, helfen nicht", sagt Leibing. Vorsicht ist besonders bei Benzo­dia­zepinen geboten. Sie reduzieren zwar die Angst, machen aber leicht abhängig. "Präparate aus dieser Wirkstoffgruppe werden leider immer noch schnell verschrieben", kritisiert der Psychologe Ulrich Stangier, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt.

Hilfe durch Psychotherapeuten und Selbsthilfegruppen

Egal welches Medikament – die langfristigen Erfolgsaussichten sind mit einer Psychotherapie besser. Experte Stangier rät dazu, nicht lange abzuwarten, sondern sich bald um einen Therapieplatz zu bemühen. Betroffene können sich direkt an Therapeuten wenden, eine Überweisung vom Arzt ist nicht notwendig.

Oft gibt es dennoch Wartezeiten. Halt kann dann eine Selbsthilfegruppe bieten. Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig, einen "akzep­tierenden Umgang mit der Angst zu lernen und ihr Leben trotzdem zu meistern", wie Christian Zottl, Geschäftsführer der Münchner Angst-Selbsthilfe, sagt. Die Gruppe biete ­einen geschützten Raum, in dem man Dinge ausprobieren kann. "Zum Beispiel mal einen Konflikt eingehen, Widerworte sagen. Das fällt vielen Sozialphobikern schwer."

Rat und Hilfe

Der Bundesverband der Selbsthilfe Soziale Phobie (VSSP) nennt Selbsthilfegruppen und ­bietet viele weitere nützliche ­Informationen. So können sich ­Betroffene und Angehörige an den Verband wenden:
Internet: www.vssp.de
E-Mail: info@vssp.de
Telefon: 0 52 71/6 99 90 56


Geborgen wie in einem Nest

Für Betroffene sei es wichtig, das ­Gefühl zu haben, von anderen Menschen akzeptiert zu werden, sagt ­Psychologe Stangier. Doch auch ein bisschen Wachsamkeit ist angebracht. Es könne zum Beispiel sein, dass Teilnehmer an ihren Symptomen festhalten, weil sie so Gemeinsamkeit herstellen, meint Leibing. "Wenn es etwa heißt: Das habe ich auch schon alles ausprobiert, das hat mir nicht geholfen."

Marta half der Austausch mit anderen Betroffenen enorm. Zum ersten Mal in ihrem Leben trifft sie in der Selbsthilfegruppe Menschen, die mit ähnlichen Problemen wie sie selbst kämpfen. Sie fühlt sich damit endlich nicht mehr alleine. "Die Gespräche brachten mich zum Nachdenken, und ich habe dadurch viele meiner eigenen Mechanismen begriffen." Sie fühlt sich entlastet, wird langsam stabiler. "Das war wie ein Nest für mich."



Bildnachweis: plainpicture GmbH & Co KG/Maskot, Westend61 GmbH/Bader-Butowski, Allesalltag Bildagentur GbR/Jörn Rynio

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